Flammende Blüten leuchten aus der Wiese
Die Feuerlilie
Es gibt wohl kaum eine augenfälligere Erscheinung im Reich der heimischen Flora.


Es gibt wohl kaum eine augenfälligere Erscheinung im Reich der heimischen Flora. Vermutlich kennen wir keine Blüte, die uns vergleichbar schon von Weitem so sehr aus der harmonischen farbenfrohen Vielfalt einer Blumenwiese entgegenleuchten würde. Feinheit, Zartheit, Ziselierung, fiedrige Leichtigkeit sind nicht ihre Attribute; dennoch wirkt sie keinesfalls grob oder dominant.
Vier Sprachen, das Lateinische, Italienische, Französische und das Deutsche benennen sie jeweils ganz unterschiedlich, wobei jede Sprache auf ein anderes Charakteristikum verweist.
Nehmen wir den Ausgang vom Italienischen, ist sie doch in Italien als südalpines Florenelement heimisch: Giglio di San Giovanni. Der Name nimmt Bezug auf die Blütezeit um Sommersonnwend, um Johanni. Tatsächlich finden wir jetzt auf der schön gepflegten Wiese von Naone einige Exemplare. Im Vergleich zum ersten Jahr der Bewirtschaftung haben sie sich sogar vermehrt und auf weitere Wiesen-Areale verbreitet.
Die Entwicklungszeit unserer Blume liegt zeitlich im Jahreslauf also in der Periode der längsten, hellsten Tage mit intensivster Sonneneinstrahlung.
Die Feuerlilie ist keine Heilpflanze, sie wird in unserem Kulturkreis nicht gegessen und anders als die Madonnenlilie nimmt sie weder in der Philosophie, im Sakralen, noch in der Kunst eine vergleichbar vornehme Stellung ein.
Bereits mehrfach wurden auf dieser Seite Pflanzen vorgestellt – beispielsweise der Lavendel, die Schlehe, oder die Schneerose – , denen ich Bilder aus geisteswissenschaftlicher Forschung oder imaginative, geistige Forschungs-Gedanken beigesellt hatte, um das Vorstellungsbild zu erweitern oder zu vervollständigen.
Auch das wird bei der Feuerlilie – die deutsche Sprache geht ganz von dem kräftigen, geflammten Farbeindruck aus – nicht der Fall sein. Orientieren wir uns bei dieser Pflanzenbetrachtung an einer von Heinz Grill entworfenen Leitfrage – „Wie, auf was schaut man bei der Betrachtung hin?“ – so können wir uns in diesem Fall ganz auf die Qualität und Tugend der genauen, aufmerksamen, beschreibenden Betrachtung konzentrieren.



Bei der Blüte fällt auf, dass sie nur Kronblätter, aber keine Kelchblätter besitzt. Das bedeutet, dass die Knospe nicht von Blättern umhüllt und umschlossen ist, sondern die farbigen Blütenblätter direkt als solche aus dem Blütenstiel entspringen. Man darf sich nicht täuschen lassen, wenn die jungen Knospen grün erscheinen: sie sind lediglich noch nicht durchgefärbt.
Die Feuerlilie hat sechs Blütenblätter, was charakteristisch für die Familie der Lilien ist. Sechs ist auch die Anzahl der Staubblätter, die sich um den Griffel gruppieren.


Die Innenseite der Blütenblätter weist ein lebendiges, ins Hellorange sich neigende Farbspiel auf. Spielt vielleicht darauf der französische Name, „Lis safrané“, an? Oder doch auf die stark färbende Eigenschaft des Blütenstaubes, ähnlich wie ihn auch die Narben des Safran besitzen?
Jedenfalls ist es damit nicht getan; dunkle Punkte setzen zusätzliche Akzente. Längliche, rippenartige Strukturen verleihen der großen, weit und wohlgeformt nach oben geöffneten Blüte eine besondere Räumlichkeit nach innen. Ganz zur Sonne gewendet, wirkt sie wie ein schwebender Farb- oder Lichtkelch.



Zwei weitere Besonderheiten lassen sich an der blühenden Pflanze nicht ablesen, sind aber bedeutsam für die Lilie: Die Pflanze erwächst aus einer Zwiebel. Und aus dem Samen entwickelt sich ein Keimling mit einem einzigen Keimblatt, was dafür verantwortlich ist, die Lilien in die große Familie der „Einkeimblättrigen“ zu klassifizieren. Uner anderem Gräser und Getreide gehören interessanterweise zur gleichen Klasse. Anschaulich kann man sich dies sehr leicht machen, indem man beispielsweise ein Radieschensamen und ein beliebiges Getreidekorn zum Keimen bringt.

Wie sieht es mit den Blättern aus? Der gesamte Stängel ist beblättert; elegante, fein ausgeschwungene lanzettliche Blattorgane werden ausgebildet. Der genaue Blick erkennt eine parallelnervige Struktur und damit ein weiteres Charakteristikum der Liliengewächse.
Die gesamte Pflanze strebt klar und außerordentlich aufrecht nach oben. Keine Verästelungen oder Seitentriebe lenken von der vertikalen Linie ab oder würden ihrer Erscheinung einen raumgreifenden Habitus verleihen. Trotz ihrer stattlichen Größe steht sie recht stabil und wiegt sich weniger im Wind als beispielsweise die feinen Glockenblumen. Auch die Blüte zeigt ausgeprägte Gestaltkraft, die ihr erlaubt, auch bei Wind und Wetter Form, bella figura, wir sind ja in Italien, zu wahren.
Zuletzt nehmen wir noch die feinen Knöllchen, die in den Blattachseln sitzen, in die Betrachtung. Hier handelt es sich um Brutzwiebeln. Das heißt, die kleinen Knöllchen können abgenommen und in die Erde gesteckt werden. Aus diesen Brutzwiebeln entwickeln sich direkt neue Pflanzen. „Bulbe“ ist der Fachbegriff für die Brutzwiebel und somit können wir auch das Rätsel des letzten Namens, des Lateinischen, aufklären: „Lilium bulbiferum“ , die Brutzwiebel-tragende Lilie. Genau genommen, bezeichnet der lateinische Name Lilium bulbiferum zwei verschiedene Pflanzen: die eigentliche Feuerlilie Lilium bulbiferum var. bulbiferum mit Brutzwiebeln sowie die Lilium bulbiferum var. croceum [Chaix], die nur sehr selten Brutzwiebeln ausbildet.
Sicherlich gelingt es nun leicht, die Augen zu schließen und in bildhafter Vorstellung die Pflanze mit ihrer Blüte wieder auferstehen zu lassen.
Was drückt sich in dieser Blüte wohl wesenhaft aus? Da keine Angabe vorliegt, können wir Blume und Frage ganz frei schweben und wirken lassen.
In der Vorstellung kann man zur Betrachtung nun die zeitliche Dimension hinzunehmen. Wie ist die Pflanze herangewachsen, hat Stängel, Blatt und Knospe gebildet, bevor sich die Blüte mit ihrer auffälligen, feuergeflammten Farbe dem umherschweifenden Blick offenbart hat?
Wie wird sie sich weiter entwickeln, wenn die Blütenblätter verwelkt sind, der Fruchtknoten anschwillt und die Samen gebildet werden? Haben wir sie noch präsent, wenn der Flor der Wiese in sein hochsommerliches oder frühherbstliches Kleid übergegangen ist?
Der Landwirt muss sie wohl im Bewusstsein bewahren, wenn er bei der Mahd ihre Bereiche ausspart, um ihr die Möglichkeit zur Samenbildung und Verbreitung zu geben. Auch die Bulben werden zu Boden fallen und bedürfen günstiger Bedingungen.

Zur abschließenden, vergleichenden Betrachtung und zum vertiefenden Studium des Blütenaufbaus seien noch weitere lilienartige Blüten angefügt. Alle diese Lilien sind um diese Jahreszeit und in den Tallagen oder subalpinen Stufen nördlich und/oder südlich der Alpen zu finden.
Die Weisse Trichterlilie, der Pyrenäen-Milchstern, die Türkenbund-Lilie und die Ästige Graslilie.




„Die Betrachtung von bestimmten Pflanzen oder vegetativen Erscheinungen in der Natur bietet sich zum Üben an. Die Pflanzenwelt ist von den Lichteinflüssen und Jahreszeiten abhängig und äußert sich im Sprießen und Welken. Der erfahrbare Unterschied zwischen Grünen, Blühen und Welken bereichert das menschliche Seelenleben und offenbart Kräftewirkungen, die vom Kosmos ausgehend zur Pflanzenwelt wirksam ausströmen. Das Studium einer Einzelpflanze jedoch kann die tiefere Signatur oder die Bedeutung der Pflanze der menschlichen Seele näher rücken.“
Heinz Grill
Text, Bilder, Film: Lilly Zahara, 30.06.2026
Foto: Schmetterling auf Lilie: Martin Sinzinger
Zitat von Heinz Grill aus seinem Buch „Übungen für die Seele“, Syneriga-Verlag 2017, S. 24, erhältlich beim stw-Verlag
Ein Artikel zur Lilie, der auch die Kultur- und Kunstgeschichte sowie die geistige Bedeutung beschreibt, findet sich auf der Website AuroraWiki
