Ein Ökologisches Projekt mit Kunst, Natur und Spiritualität

An ecological project with Art, Nature and Spirituality

Un progetto ecologico con Arte, Natura e Spiritualità

das aus der Notwendigkeit der Zeit als erlebbares Beispiel für eine zukünftige Kultur gedacht ist

Die Blüte der Schlehe

Vor dem Seminarhaus in Lundo blühen die Schlehen, die im Rund gepflanzten Sträucher haben ihre zahllosen weißen Blüten entfaltet. Schon einmal, im vergangenen Herbst, war davon die Rede. Die spät reifenden, herben Früchte empfiehlt Heinz Grill bei Erschöpfungszuständen. Der entsprechende Artikel ist hier verlinkt.

Früher häufig in Hecken anzutreffen, ist diese Pflanze heute vielleicht nicht jedem geläufig. Und wer ein Bild der weißen Gesamterscheinung in die Vorstellung rufen kann, hat in der schneeweißen Fülle der Blüten die einzelne vielleicht nicht im Sinn.

Die fünf Kronblätter öffnen sich dem Licht zu einer weiten Schale. Luftig überragen die Staubgefäße die von den Petalen angedeutete Sphäre der Blüte. Als orangene Farbtupfe sitzen die Staubgefäße auf den filigranen, ebenfalls schneeweißen Filamenten. In der Mitte, zartgelb, der Blütenstempel, bereit, den Pollen zu empfangen und im Fruchtknoten die Fruchtbildung zu beginnen.

Die Blüte der Schlehe misst nur etwas mehr als einen Zentimeter im Durchmesser. Etwas größer gedacht, und wir haben die Blüte der Zwetschge vor Augen. Deutlich größer, mit leicht eingebuchteten Blütenblättern, den typisch gezipfelten Kelchblättern und mit einem zarten Rosa versehen, stehen wir vor der Heckenrose. Wobei auch die Knospen der Schlehe rosa angehaucht sein können. Etwas lockerer und langstieliger ausgeformt zeigt sich die Kirschblüte. Vergrößern wir die Proportion der Blütenblätter im Vergleich zu den Staubgefäßen, sind wir beim Apfel. Bei der Birne. Der Aprikose – früher im Jahr – oder dem Pfirsich, der seine Blüten rosa eingefärbt zeigt. Denken wir auch an die ebenfalls sehr frühblühende Mandel, die über die südlichen Landschaften in den zarten Hauch des sich ankündigenden Frühlings weht.

Alle heimischen Obstgehölze gehören der großen botanischen Familie der Rosengewächse, der Rosaceaen an. Allerdings, zur Gattung der Prunus dürfen wir neben der Schlehe beispielsweise nur die Steinfrüchte wie Kirsche oder Pflaume zählen.

Die Schlehe ist keine Rose, aber einen Anklang an die als edelste aller Blumen betrachtete Königin können wir ihr schon zusprechen; der Blick ins Blütendetail macht es offenbar. Auch botanisch ist dies gerechtfertigt. Weisen doch alle Rosengewächse bestimmte einheitliche Merkmale auf, die die gesamte Familie in einer geordneten Strenge durchziehen. Beispielsweise finden wir in den Naturformen immer die Fünfer-Zahl: Fünf Kelchblätter, fünf Kronblätter. Und was der Schlehenblüte im Einzelnen vielleicht an Größe, Ausgestaltung oder Farbe fehlen mag, macht sie in ihrer Fülle mehr als wett.

Und doch schreibt Gerbert Grohmann

Dieser sparrige, höchstens 3m hohe Strauch ist in jeder Hinsicht ein Wildling. Vielerorten wird er als lästig empfunden und nach Möglichkeit ausgerottet. Kaum jemandem wird es einfallen, ihn etwa anzupflanzen. […] Die kugelrunden, blaubereiften Steinfrüchte finden zwar zu mancherlei Nützlichem Verwendung, ganz können sie uns aber doch nicht mit dem schwarzberindeten Gestrüpp aussöhnen.“

Schmunzelnd stehe ich vor der weißen Pracht in Naone.

Gerbert Grohmann schreibt dies 1929. Als Botaniker und Lehrer widmet er sich der Erkenntnisforschung zur Natur und ringt um Verständnis und Vermittlung der goetheanischen Naturauffassung und der Angaben Rudolf Steiners. Das genannte Zitat ist seinem Werk „Die Pflanze als dreigliedriges Wesen in ihren Wechselbeziehungen zwischen Erde und Mensch“ entnommen, ein Werk, das viele Auflagen erleben und zu seinem Hauptwerk werden sollte.

Wahrscheinlich gelingt es uns nicht realistisch, uns das Landschaftsbild der 20ger Jahre des vorigen Jahrhunderts vorzustellen, vor Intensivierung und Industrialisierung der Landwirtschaft, vor Flurbereinigungen und innerhalb einer größtenteils kleinbäuerlichen Struktur (Grohmann hat im süddeutschen Raum gelebt).

In seinem Bemühen, der Schlehe gerecht zu werden, fährt er fort: „So ist es oft mit unseren Sympathien und Antipathien der Natur gegenüber! […] Nur der wirtschaftliche Vorteil will uns einleuchten, und dabei übersehen wir die schönsten Tugenden einer Pflanze. Die knorrige Schlehe, auf die wir mit Geringschätzung hinblicken, trägt Eigenschaften einer wertvollen Heilpflanze in sich.“

Hier zeigt sich auch in aller Deutlichkeit,
wie die Frage, wie die Kriterien einer Frage den Blick und das Ergebnis vorbestimmen.
Wie blickt man auf eine Sache hin? Was, welchen Aspekt beachtet man?
Welchen Wert findet man in einer Sache? Und woraus entsteht der Wert – aus der eigenen Betrachtung?

Ein Werteempfinden wirkt friedensfördernd

Bei der Lektüre von Grohmanns Beschreibung der Schlehe war mir dies vor Augen getreten: Wie ein Wissenschaftler und Autor sich mithilfe intensiver fachlicher, vergleichender Auseinandersetzung durch das zeitgenössische Vorstellungsbild hindurchzuarbeiten und einen Wert auf neuer Grundlage, den Angaben Rudolf Steiners, zu erkennen und zu beschreiben sucht. Ob der Ausspruch Rudolf Steiners zur Unterstützung bei Erschöpfung zur Schlehe Ausgangspunkt seiner Forschungen war, konnte ich nicht faktitsch nachvollziehen. Die Ausführungen Grohmanns könnten dies nahelegen, da er letztendlich aus der charakterisierenden Beschreibung des Strauches die von Rudolf Steiner empfohlene Anwendung illustriert.

An dieser Stelle möchte ich auch auf den Wert der Grundlagenarbeit Grohmanns hinweisen. Er konnte sich nur auf seine klassische wissenschaftliche Ausbildung, auf Hinweise Rudolf Steiners und auf seine eigene Forschung und Arbeit stützen.

In unserer heutigen Zeit der umfassenden Informationsverfügbarkeit, ausgedehnten, leicht erreichbaren Literatur und den Analysemöglichkeiten der KI ist dies fast so schwer vorstellbar wie eine Landschaft, in der man versucht, Schlehenhecken auszurotten. 

Vielleicht halten wir einen Moment inne und versuchen uns vorzustellen, welcher Zielstrebigkeit, fachlichen Voraussetzungen und weiten Gedankenhorizont es bedarf, um sich dieser Aufgabe zu stellen.

Unter diesem Aspekt möchte ich auch den Wert der Arbeit von Heinz Grill hervorheben. Durch die Offenheit, die Möglichkeit der persönlichen Begegnung und die umfangreiche verfügbare inhaltliche Arbeit finden wir oft genug auf Zeitfragen bereits die Antwort, bevor uns selbst die Frage überhaupt bewusstgeworden ist. Auch in dieser Beziehung ist es sicherlich förderlich, einen Moment innezuhalten und sich Leistung und Wert der Arbeit von Heinz Grill zu vergegenwärtigen.

Die Überschrift des Werteempfindens, das friedensfördernd wirkt, ist aus dem Zusammenhang eines Artikels von Heinz Grill entnommen. Er stammt vom 10. April 2026 und ist mit „Grundlagen einer spirituellen Friedensarbeit“ betitelt. Heinz Grill stellt hier eindrücklich und in aller Konsequenz dar, dass ein wahres Wertempfinden zur Ausbildung des Herzzentrums führe. Das entwickelte Herzzentrum strahlt friedensfördernd auf die Umwelt aus.

Einige Passagen des Artikels, der auf der Webseite von Heinz Grill im Gesamten veröffentlicht ist, seien hier zitiert:

Die Betrachtung der Schlehe durch Gerbert Grohmann

Wenn sich der blattlose Strauch im zeitigen Frühjahr in den weißen Schleier seiner schier unzähligen winzigen Blüten einspinnt, stehen wir wie vor einem Wunder. Man traut dem struppigen, hartholzigen Gesellen solche Zartheit nicht zu.“

Feinsinnige, poetische Worte findet Grohmann für den „Wildling“.
Bei seiner weiteren Betrachtung konzentriert er sich zunächst auf den langen Entwicklungsrhythmus der Frucht. Die Blüte sehr früh im Jahr, vor allen anderen Rosaceaen, die Frucht aber zu allerletzt, im Spätherbst, und sogar unter dem Einfluss des Frostes.

 „Dieser weitgespannte Bogen zeigt uns, wie gründlich es die Schlehe nimmt, die Einflüsse des Sonnenjahres einzuheimsen. Sie läßt sich Zeit von Anfang bis Ende.“

Als zweites großes Charakteristikum sieht Grohmann Kraft und Intensität, die aus gestauten, zurückgehaltenen Formkräften entsteht. Die starke Vitalität der Pflanze drückt sich nicht im Längenwachstum aus; besonders groß wird der Strauch ja nicht.

Mit dem Begriff der Stauung halten wir tatsächlich den Schlüssel zum Verständnis des Phänomens Schlehe in der Hand. […] Soviel kann jedenfalls gesagt werden, daß diese Pflanze nicht heilkräftig ist, obwohl sie struppig verkrüppelt und in sich selbst verdichtet ist, sie hat einen Kräfteüberschuß, weil sie sich nicht im raschen Wachstum verausgabt.“

Sein abschließendes Urteil lautet daher:

„Junge Triebspitzen, im Frühjahr gesammelt, wie auch die herben Früchte, bewähren sich bei Erschöpfungszuständen aller Art. Diese wohltätige Wirkung läßt sich weniger aus den sog. Inhaltsstoffen verstehen, als aus der Gesamtkonstitution der Pflanze, denn zwischen den Lebenskräften des menschlichen Organismus und den ätherischen Kräften der Pflanze besteht die engste Verwandtschaft, was ganz besonders von den Rosengewächsen gesagt werden kann.“

Die Schlehe als Unterstützung bei Erschöpfungszuständen; dies beschreiben sowohl Heinz Grill als auch Gerbert Grohmann; hier besteht eine Übereinstimmung.
Die Herleitung jedoch zeigt eine unterschiedliche Herkunft: eine imaginative Anschauung im Zusammenhang mit dem Organ der Lunge bei Heinz Grill; eine Weiterführung und Erweiterung botanischer Betrachtungen bei Gerbert Grohmann.

Auch dies scheint mir einen hohen Wert zu haben: wenn jeweils unterschiedliche Kapazitäten zusammenfließen.

Und, so betrachtet, hat man doch eigentlich in jedem Augenblick des Tages die Möglichkeit, Werte zu erkennen und das eigene Wertempfinden zu schulen.

Bild und Text: Lilly Zahara, 03.05.2026


Dr. Gerbert Grohmann,  „Die Pflanze. Ein Weg zum Verständnis ihres Wesens. Zweiter Band: Über Blütenpflanzen“, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart, 1968, S. 50f.

Biographische Notizen über Gerbert Grohmann von Andreas Suchantke, online veröffentlicht unter „Dokumentationen Kulturimpuls“