Die Herbstzeitlose
Späte Blüte und letzter Farbtupfer auf der Wiese
Nachdem nun der Zenit des Jahres überschritten ist und die Tage bereits deutlich kürzer werden, wird auch die Vegetation zunehmend herbstlich. In Naone ist der Acker weitgehend abgeerntet und die Wiese geht gemäht in den Winter.
Umso auffälliger ist nun eine Pflanze, welche offenbar dem allgemeinen Rhythmus des Jahreslaufes nicht folgt und nun in Blüte steht, eben die Herbstzeitlose.


Nun geben nur mehr späte Blüten von Goldrute und Ochsenauge gelbe Farbimpulse und große Gruppen der hellvioletten Kelche der Herbstzeitlosen überragen das niedere Gras.
Auf den ersten Blick kann die Blume an den Krokus zu Beginn des floralen Reigens erinnern.


Eine genauere Betrachtung bemerkt das Fehlen jeglicher Blätter und den bleichen, scheinbaren Stängel der Blüte.
Was als Stängel erscheint, ist der weit ins Erdreich ragende Kelch. Die Samenanlage bildet sich an der Knolle und die Samenkapseln erscheinen erst im folgenden Frühjahr – zusammen mit dem Laub. Daher werden die Blätter, die oberflächlich betrachtet, denen des Bärlauchs ähneln, immer wieder verwechselt, was zu schweren – oftmals tödlichen – Vergiftungen führt.
Mit der sinnlich wahrnehmbaren Gestalt ist aber immer auch ein subtilerer Eindruck verbunden, denn das Physische ist ja ein Ausdruck feinerer Kräftewirkungen. Diese Ebene lässt sich durch entsprechende Fragestellungen und Gedanken erforschen – auch wenn sie meist nur sensibel zu Bewusstsein kommt.
Man weiß ja allgemein, dass die Herbstzeitlose zu den starken Giftpflanzen gehört. Nun kann man bei der Betrachtung still die Frage stellen, ob man dies auch an ihrem Ausdruck schon erkennen oder erahnen kann. Wie scheint die Pflanze, bzw. die Blüte mit dem Licht in Beziehung zu stehen, wäre dazu eine mögliche Frage.
Anders als bei Eisenhut oder auch der Tollkirsche wendet sich die Blüte nicht physisch sichtbar dem Licht ab. Eine Art Analogieschluss ist so nicht möglich. Aber vielleicht doch eine Art Empfindung, gerade wenn man den äußerlich recht ähnlichen Krokus in den Vergleich nimmt.
Herbstzeitlose (Colchicum autumnale)
Wie steht die Blüte mit dem Licht in Beziehung?
Welcher Ausdruck lässt sich erahnen oder erkennen?


Frühlings-Krokus (Crocus vernus)
Text: Martin Sinzinger, 17.09.2026
Fotos: Martin Sinzinger, Ulrike Sinzinger
Auch Rudolf Steiner erwähnt die Herbstzeitlose in einem sehr interessanten Zusammenhang:
„Schauen wir dagegen die Blüte an. Wir können eigentlich nicht anders, wenn wir ihr gegenüberstehen mit dem Auge des Geistes, als sie zu empfinden wie unsere eigene Seele, wenn diese die zartesten Wünsche hegt. Sehen Sie sich nur einmal so eine richtige Frühlingsblüte an; sie ist ja im Grunde genommen ein Wunschhauch; sie ist die Verkörperung einer Sehnsucht. Und es gießt sich eigentlich, wenn wir dazu zarten Seelensinn genug haben, über die Blütenwelt, die uns umgibt, etwas Wunderbares aus.
Wir sehen im Frühling das Veilchen oder meinetwillen den Märzbecher oder das Maiglöcklein oder manches gelbblühende Pflänzchen, und wir werden ergriffen davon, so wie wenn uns alle diese frühlingsblühenden Pflanzen sagen wollten: Ach, Mensch, wie rein und unschuldig kannst du eigentlich deine Wünsche nach dem Geistigen hin richten. – Die geistige Wunschnatur, ich möchte sagen, die in Frömmigkeit getauchte Wunschnatur sprießt und sproßt aus jeder Frühlingsblüte. Wenn dann die späteren Blüten kommen — nehmen wir gleich das Extrem, nehmen wir die Herbstzeitlose -, ja, kann man denn mit Seelensinn die Herbstzeitlose anschauen, ohne ein leises Schamgefühl zu haben? Mahnt sie uns denn nicht daran, daß unsere Wünsche unrein werden können, daß unsere Wünsche durchzogen werden können von den mannigfaltigsten Unlauterkeiten? Man möchte sagen, die Herbstzeitlosen sprechen von allen Seiten so zu uns, als wenn sie uns fortwährend zuraunen wollten: Schaue auf deine Wunschwelt hin, o Mensch, wie leicht du ein Sünder werden kannst.
Und so ist eigentlich die Pflanzenwelt der äußere Naturspiegel des menschlichen Gewissens. Man kann sich nichts Poetischeres denken, als diese im Inneren wie aus einem Punkt herauskommende Gewissensstimme verteilt zu denken auf die mannigfaltigsten Pflanzenblütenformen, die uns die Jahreszeiten hindurch so zur Seele reden, in der mannigfaltigsten Weise zur Seele reden. Die Pflanzenwelt ist der ausgebreitete Spiegel des Gewissens, wenn wir nur die Pflanzenwelt in der richtigen Weise anzusehen wissen.“
Zitat aus: Rudolf Steiner, „Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes“, Elfter Vortrag vom 10. November 1023, gehalten in Dornach, GA 230, S. 185f
Der Gedanke, dass Pflanzen Tugendkräfte repräsentieren, wurde bereits in einem Artikel vom Sommer aufgegriffen: „Eine Blumenwiese im Sommer: Schönheit für die Seele“
