Pflege der Getreidesaat
Vorstellungsbildung zur Entwicklung des Roggens
Wie schaut man auf eine Sache hin? Auf was, auf welchen Aspekt blickt man?
Diese initiale Frage, mit der Heinz Grill die Bearbeitung der Thematik während eines Gesprächs anregte, wird auf dieser Seite unsere Begleiterin bleiben. Die aktuelle Reflektion entwickelte sich während Pflegearbeiten an der Getreide-Saat im April 2026.
Der Anlass war denkbar einfach: da die Wiesenkräuter und besonders auch die jungen Gemüsepflanzen oder Getreideschösslinge eine gern angenommene Abwechslung auf dem Speiseplan der Rehe darstellen, gilt es diese vor Verbiss zu schützen. Dies geschieht mittels Netzen, die nach der Aussaat über den Boden gelegt werden und nach dem Keimen des Getreides etwas höher aufgespannt werden müssen.
Diese Arbeit war also mit einer kleinen Gruppe von Studienteilnehmern in Angriff zu nehmen.
Der Impuls, dies möglichst schnell und „effizient“ zu „erledigen“, wurde jedoch noch einmal zurück gehalten.





Wir begannen zunächst damit, die gesamte Anlage, das Beet, die zarten grünen aufsprießenden Blätter wahrzunehmen.
Roggen, Gerste, Hafer und Weizen wurden dieses Jahr ausgesät.
Wir betrachten ein Roggenkorn und beschreiben es nach Form, Farbe, Textur und Größe. Auf dem Foto sind im Vergleich Samen der Karotte zu sehen. 1000 Samen der Gelben Rübe wiegen etwa 1 bis maximal 1,5 Gramm – der Roggen dagegen ist mit 30 – 40 g pro 1000 Körner ein wahrhaftes Schwergewicht!
Wasser und Wärme sind notwendig, um die Keimung zu initialisieren. Für Naone bedeutet das im Hinblick auf das ausgebrachte Sommergetreide, dass erst nach der Frostperiode und nach den letzten Forstnächten gesät werden konnte.
Setzt die Keimung ein, entwickelt sich zuerst der kleine Wurzelspross, dann das Keimblatt.
Die junge, zarte Wurzel des Schösslings tritt sogleich in eine Art Interaktion mit der Erde, mit den vorhandenen und sich ansiedelnden Mikro-Organismen, mit den Bakterien und Nährstoffen. Selbst in diesem jungen Wachstumsstadium wird man kaum das gesamte Wurzelwerk erfassen können. Zum Zeitpunkt, an dem die Keimblätter etwa 4-5 cm über der Erde entwickelt sind, reichen die feinsten Haarwurzeln bereits etwa 50 cm in die Tiefe des Erdreichs. Die feinen, nur unter dem Mikroskop sichtbaren Haarwurzeln reißen beim Versuch, sie aus dem Erdreich zu bergen, gleich ab. Doch selbst, wenn man nur die robusten Hauptwurzeln in Händen hält, zeigt sich doch sehr eindrucksvoll, wie ausgedehnt sich das unterirdische Wachstum bereits ausgebreitet hat.
Im voll entwickelten Stadium reichen die Wurzeln bis etwa einen Meter tief. Bei einer frei stehenden Pflanze können die Wurzeln eine Länge von 80 Meter und die Wurzelhaare eine Oberfläche von 400 Quadratmetern erreichen.
Ein Charakteristikum des Getreides liegt darin, dass aus dem Korn ein einziges Keimblatt treibt. Im Vergleich dazu entwickeln zum Beispiel die Gemüse zwei Keimblätter. In der Systematik der Pflanzen stehen die Einkeimblättrigen (Monokotyledonen), zu denen neben den Gräsern und Getreiden z.B. auch die Lilien oder Palmen zählen, den Zweikeimblättrigen (Dicotyledonen) gegenüber.
Soweit können wir der Entwicklung des Roggens betrachtend und erklärend folgen.
Wie geht es nun weiter?
Wie wird sich die Pflanze entwickeln?
Unter der fachkundigen Begleitung und Anleitung des Landwirts bilden wir uns weitere Vorstellungen über den Wachstumsprozess.
Grundsätzlich wächst die Getreidepflanze nicht gleichmäßig-linear, sondern sie treibt abwechselnd Wurzeln und Blatt. Die Pflanze oszilliert stetig zwischen den Polen von Erde und Kosmos, von Erdmittelpunkt und Sonne. Damit ist sie ganz den rhythmischen Wachstumsimpulsen des Lebensäthers hingegeben.
Jetzt sehen wir pro Getreidekorn ein Keimblatt; später wird die Pflanze aufstocken und etwa 7 Halme aus einem Korn entwickeln.
Nach dem Keimblatt wird der Halm treiben. Wie für Gräser allgemein charakteristisch, werden nach und nach mehrere Knoten angelegt, die den Halm stabilisieren. Am Knoten befreit sich das zuvor den Halm umschlingende Blatt von diesem und bildet die frei in den Raum ragenden, grünen Blattorgane zur Photosynthese aus. Nur das unmittelbar letzte Blatt vor der Ähre, das sog. Fahnenblatt, setzt nicht an einem Knoten an.
Die Ähre, die bereits im Wurzelhals angelegt ist, schiebt sich im Halm nach oben. Ist die Zeit gekommen, so steht das ganze Feld gleichzeitig in einer nur etwa 4-7 Stunden währenden Blüte. Während dieser Zeit erfolgt die Bestäubung durch den Wind. Die Getreideblüten sind äußerst filigrane, feine und meist übersehene Geschöpfe.
Nun beginnt die Reifezeit der Ähren. Von der Milchreife spricht man, wenn beim Zedrücken der bereits ausgebildeten, aber noch weichen Körner ein weißer Saft austritt. Über die Teigreife erfolgt schließlich die Vollreife; das komplett ausgebildete Korn kann geerntet werden.

Damit wurde nur in einigen wesentlichen Grundzügen der Wachstumsprozess der Getreideähre, in diesem Fall des Roggens, skizziert. Das Entscheidende dabei ist, mit der Betrachtung des Korns oder der jungen Pflanze deren weitere Entwicklung in der Vorstellung vorauszuschauen oder bildlich zu entwerfen.
Nehmen wir die eingangs aufgeworfene Frage:
Wie schaut man auf eine Sache hin?


Hier ging es darum, das Getreidekorn in den Möglichkeiten seiner natürlichen, sogar seiner idealen Entwicklung zu denken. Eine Entwicklung also im Gedanken- und Vorstellungsraum zu schaffen, und ihr so die – vielleicht sogar bessere – Möglichkeit zur Manifestation zu geben.
Da wir die Natur mit ihren Wachstumsprozessen als so umfassend, ideal abgestimmt, großartig, harmonisch und selbstverständlich erleben, scheint die Betrachtung wohl eher dem Charakter einer Übung für uns selbst zu neigen.
Allerdings gehen wir in spirituellen Schulung davon aus, dass am Anfang das Geistige steht, das im Körperlichen seine Manifestation gewinnt. In diesem Sinne werden Yoga-Asana als Ausdruck seelischer Bilder geübt; wird jeder Gestaltungsarbeit ein möglichst lebendiges Vorstellungsbild voran gestellt; wird in der Forschungsküche intensiv an der Pflege bestimmter Gedanken zur Förderung der Bekömmlichkeit und des Heilwertes der Ernährung gearbeitet.
Warum sollte dann ein Einfluss des menschlichen Bewusstseins auf die Pflanzen, die ihre Entfaltung ganz der Äthersphäre verdanken, zu negieren sein?

Übertragen wir dieses wichtige Schulungsprinzip auf andere Bereiche des Lebens:
Wie sehen wir einen anderen Menschen? Stören uns seine Fehler? Sind wir in der Lage, auf Grundlage genauer und empathischer Beobachtung seiner Potenziale eine wesensgemäße Entwicklung zu ersinnen?
Mir scheint, dass es kein Gebiet des Lebens gibt, das nicht durch diese Frage eine neue, fruchtbare Anregung erhalten könnte.
Wie schaut man auf etwas hin?
Eine ganz einfache Frage, die es wohl wert ist, ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken.

Nach der Blüte beginnt die Reife.

Lilly Zahara, 16. 05. 2026

Durch Wahrnehmung und Vorstellungsbildung das Getreide Revitalisieren:
Siehe auch einen weiteren Bericht zur Getreideernte hier auf dieser Seite
