Die Schlehe – „geballte Lebenskraft“

Hat man den etwa halbstündigen Aufstieg nach Naone hinter sich gebracht, tritt man aus dem Wald auf die Lichtung und kommt das Casa artistica di Barbara ins Blickfeld, fokussiert sich die Aufmerksamkeit ganz natürlich auf das Ziel.

Ein Plattenweg aus Natursteinen geleitet den Wanderer zum Eingangsbogen, um den sich Winterjasmin rankt. Der Besucher betritt den Vorplatz aus weißem Kies und wendet sich der Eingangstüre zu. Konzentriert sicherlich nicht nur auf das Haus, sondern auch in Vorbereitung auf die bevorstehenden Themen.
In diesem Bereich liegt linker Hand eine kreisrund gestaltete Pflanzung, von großen, aufgestellten Steinen gesäumt, und mit weiteren, liegenden Trittsteinen, die eine Diagonale markieren, aufgewertet.

Schlehen sind hier angepflanzt, sparrige, dornige Sträucher, die die meiste Zeit des Jahres eher unscheinbar grün wirken, zumal die Sträucher noch jung sind und sich noch nicht ganz charakteristisch entfaltet haben. „Geballte Lebenskraft“ sieht Heinz Grill in ihren Früchten; das Attribut in der Überschrift stammt von ihm.
Was hat es mit dieser Pflanze auf sich?
Prunus spinosa lautet der lateinische Name. Prunus aus lateinisch „die Pflaume“ beschreibt auch eine Pflanzengattung innerhalb der Rosengewächse. Steinobst wie beispielsweise Kirschen, Pflaumen oder Aprikosen werden in die gleiche Gattung eingeordnet. Spina bezeichnet im Lateinischen den Dorn; dies lebt als gleichlautende spina in der italienischen Sprache weiter. Als „dornenbewehrte Pflaume“ könnte man die Schlehe also bezeichnen, was dem bildlichen Eindruck recht nahe kommt.

Der Vegetationszyklus der Schlehe beginnt zeitig im Jahr. Die noch kahlen, fast wie abgestorben wirkenden Zweige öffnen ihre zahlreichen weißen Blüten dicht an dicht; der Strauch wirkt im Frühling weiß wie zart über die Landschaft gehaucht. Die Schlehe war typischerweise ein Element in Hecken und prägte in Gemeinschaft mit Heckenrose, Brombeere und anderen Dornensträuchern die Landschaft.

Wo extensive Landwirtschaft betrieben wird, wie beispielsweise auf kargen, trockenen, kalkhaltigen sonnenexponierten Böden des Mittelmeerraumes, ist sie in geeigneten Lagen vielfach heute noch landschaftsbestimmend anzutreffen. Das Foto wurde in Apulien aufgenommen, im Gargano, am Monte Calvo, auf etwa 1000m Höhe. Die weiße Blütenzier entfaltet sich noch vor dem Laubaustrieb der Bäume und dem Sprießen des grünen Grases in voller Pracht.
Man möchte meinen, dass eine zeitig blühende Pflanze auch zeitig fruchten würde. Bei der Schlehe ist aber gerade das Gegenteil der Fall: außerordentlich langsam entwickeln sich die Früchte, außergewöhnlich lange ist ihre Reifezeit. Die Aufnahmen dieser Früchte entstanden im Oktober. Pflückt und verkostet man sie, eröffnet sich ein bleibendes Erlebnis. Ein bisschen sauer vielleicht, doch wesentlich ist der kräftige Eindruck des Zusammenziehens. Manchmal fühlt es sich auch etwas pelzig auf der Zunge an. Diese adstringierende Wirkung kann über den ganzen Körper wahrgenommen werden und dadurch auch als reinigend.
Doch auch jetzt lösen sich die Früchte noch nicht vom Zweig. An und mit der Mutterpflanze setzen sie sich dem Frost aus. Durch den Frost werden die Früchte süßer; für Liköre, Marmeladen und andere traditionelle Zubereitungen wird die Ernte deshalb erst nach den ersten Frösten empfohlen. Die in den Früchten enthaltenen Gerbstoffe, die für den herben Geschmack und die zusammenziehende Wirkung verantwortlich sind, werden durch die Kälteeinwirkung gehemmt und lassen nun den Zucker entfalten.

Rudolf Steiner beschreibt den Frost als außerordentlich intensive Wirkung des Kosmos auf die Erde.
Und während die Volksmedizin sich traditionell auf die Schlehenblüte als Heilmittel konzentriert, ist es Rudolf Steiner, der die Schlehe und den Schlehensaft als stärkendes Heilmittel empfiehlt.
„Wenn der Frühling kommt, da gebe ich solchen Menschen, je nachdem sie kraftlos geworden sind, den Saft von Schlehdorn. Wenn man den Schlehdornsaft aufbewahrt – Sie kennen die herbe, säuerliche Pflanze – und ihn einem solchen Menschen, der im Frühling kraftlos wird, in den Mund hineinbringt, dann kann man ihn halten über den Frühling und Sommer hindurch“ (Rudolf Steiner)

Und auch Heinz Grill sieht die Schlehe als Heilmittel bei Erschöpfungszuständen.
„Die Schlehe, Prunus spinosa, ist ein ausgezeichnetes Heilmittel bei Erschöpfungszuständen. Sie wirkt ganz spezifisch auf das Lungenorgan. Sie kann unterstützend bei allen psychischen Erkrankungen, bei denen das Lungenorgan mitbetroffen ist, angewendet werden.“
(Heinz Grill)
Text und Bild Lilly Zahara, 8.12.2025
Zitat von Rudolf Steiner aus:
Vorträge für die Arbeiter am Goetheanumbau, „Mensch und Welt. Das Wirken des Geistes in der Natur – Über das Wesen der Bienen“, Fünfzehn Vorträge, 8. Oktober bis 22. Dezember 1923, hier: Fünfter Vortrag, Dornach, 24. Oktober 1923. (GA 351 S. 93 f.)
Zusammenhang:
„Und das ist so, daß man zum Beispiel Leute, die an dem leiden, was man früher die Auszehrung genannt hat, die kraftlos werden in ihren Muskeln und bei denen diese Kraftlosigkeit insbesondere gegen den Frühling zu ganz besonders auftritt, im Herbst in diese vom Weltenall frisch gewordene Luft schickt. Im Frühling kann man gar nichts machen; daher sterben solche Leute im Frühling am allerleichtesten. Man muß vorsorgen, denn man kann für solche Leute eigentlich erst im Herbst etwas machen.
Wenn im Sommer die meteorischen Kräfte mit den kleinen Mengen Zyankali, die da hereinkommen aus dem Weltenall, ihr Zyankali ablagern, müßten diese Leute dann, wenn der August zu Ende geht und der Herbst kommt, mit ihren kraftlosen Gliedern nun in solche Gegenden kommen, wo der Sommer sein Bestes abgelagert hat, nämlich Zyankali.Dann werden die Glieder wieder kraftvoll.
Bei Menschen also, bei denen man bemerkt, für die wird das nächste Jahr etwas sehr Schlimmes werden, denn sie werden kraftlos, da sollte man eigentlich, weil man im Frühling mit den äußeren Dingen nicht viel machen kann, Vorsorgen. Man sollte sich sagen: Wenn der Frühling kommt, da gebe ich solchen Menschen, je nachdem sie kraftlos geworden sind, den Saft von gewissen Pflanzen, zum Beispiel den Saft von Schlehdorn. Wenn man den Schlehdornsaft aufbewahrt – Sie kennen die herbe, säuerliche Pflanze – und ihn einem solchen Menschen, der im Frühling kraftlos wird, in den Mund hineinbringt, dann kann man ihn halten über den Frühling und Sommer hindurch.
Warum? Ja, sehen Sie, wenn man dem Menschen den Saft von Schlehdorn gibt, dann bildet dieser Schlehdornsaft allerlei Salze. Die gehen zum Kopf und nehmen die Kohlensäure mit. Da machen wir den Kopf dann geneigt, diesen Menschen durch Frühling und Sommer hindurchzubringen.“
Hinweis auf dieses Zitat von Rudolf Steiner durch einen Aufsatz von Dr. med. Johannes Wilkens und Frank Mayer, „Vitalitäts-Booster Schlehe“, veröffentlicht info3, undatiert, https://zeitschrift-info3.de/zeitschrift-info3/vitalitaets-booster-schlehe

ZItat von Heinz Grill aus:
Heinz Grill: Das Wesensgeheimnis der Seele. 3 Auflage 2016. Stephan Wunderlich Verlag, 2014, S. 389, erhältlich beim stw-Verlag.
Heinz Grill weist in diesem Zusammenhang auf den Schlehen-Ursaft der Fa. Weleda hin. Dieses „Schlehen-Elixier“ ist aktuell nicht mehr verfügbar. Grundsätzlich kann es aber auch selbst zubereitet werden.
In einer Reihe von Arnzeimitteln der Fa. WALA ist Prunus spinosa enthalten, beispielsweise in den Skorodith Kreislauf Globuli velati oder auch das als Stärkungsmittel empfohlene Prunuseisen. Hier werden jedoch die Blüten und die Triebspitzen verwendet.