Was macht der Schmetterling auf dem Handtuch?
Die Holzarbeiter in Naone freuen sich über edlen Besuch
Holz macht dreimal warm, sagt ein Sprichwort: Beim Fällen, beim Hacken und beim Heizen. Da das Meditations- und Seminarhaus Naone mit Holz beheizt wird, fällt für die Bringung und Vorbereitung des Vorrats für den Winter Einiges an Arbeit – und damit an Wärme – an. Und das bei hochsommerlichen Temperaturen!
Das schweißgebadete Handtuch hängt über der Leine – sacht lassen sich Schmetterlinge darauf nieder. Suchen sie einen Ruheplatz?
Schmetterlinge gaukeln über blumenreiche Wiesen, wir denken sie uns in Verbindung mit bunten Blüten. Der süße Nektar ist aber nicht die einzige Nahrungsquelle, die Schmetterlinge schätzen.
Selbst wenn man das Bild weniger gern denkt: auch Urin, Aas oder Kot ziehen Schmetterlinge an – oder eben Schweiß. Die Mineralstoffe sind es, die für sie attraktiv und lebensnotwendig sind.
Wer sind nun die edlen Besucher unserer Holzarbeiter?
Beide Falter sind ansehnlich groß und besitzen eine auffallende und kräftige Zeichnung.




Der bewunderungswürdige Admiral

Den unverwechselbaren und recht großen Admiral, Vanessa atalanta, hat man vielleicht häufiger schon gesehen, im Hoch- und Spätsommer, auf Schmetterlingsflieder, Wasserdost oder Astern. Fast militärisch-streng klingt der Name, doch löst er sich lieblich auf in das „admirabilis“, d.h. „bewunderungswürdig“ auf lateinisch. Die schönsten Exemplare sieht man in unseren Gegenden im späteren Sommer.
„Den Admiral begleitet ein Hauch Exotik: er gehört nicht zu den Einheimischen, sondern ist ein Gast aus dem Süden, unfähig, in irgendeinem seiner Entwicklungsstadien den mitteleuropäischen Winter zu überleben. Im Mai und Juni kommt er zu uns, um uns im Herbst wieder zu verlassen.“ (1)
Als klassischer Wanderfalter kehrt der Admiral seiner winterlichen Heimat in Südeuropa den Rücken und zieht über das Mittelmeer bis in unsere Gefilde. Im Frühsommer legen diese Weitgereisten ihre Eier auf Brennnesseln ab; die Raupen wachsen in geschlossenen Blatttüten heran und schlüpfen nach zwei bis drei Wochen. Durch die klimatischen Verschiebungen und wärmeren Bedingungen änderten sich seit etwa 20 Jahren Zugrouten und Zugverhalten deutlich und entwickeln sich inzwischen in Mitteleuropa zunehmend auch ganzjährige Populationen, sofern es mild genug für das Imago bleibt oder zumindest kontinuierlich frische grüne Brennnesseln für die Raupen zur Verfügung stehen.
Neben Blütennektar nimmt der unstet umher wandernde Admiral gern den süßen Saft von Fallobst, vorzugsweise Birnen oder Plfaumen, zu sich. Obwohl er grundsätzlich wärmeliebend ist, behagen ihm zu heiße Sommertemperaturen nicht. Dann weicht er in kühlere Wälder, ins Gebirge oder in nördlichere Regionen aus. Erst im Herbst schätzt er wieder offene, vollsonnige Flächen und sucht sie zur Eiablage auf.
Viele Faktoren mögen zusammengespielt haben, die diesen wunderschönen Admiral auf das mineraldurchtränkte Stück Stoff in der Waldlichtung Naone geführt haben.
Der große Eisvogel

Das Weibchen des großen Eisvogels ist der größte europäische Tagfalter – und die Art eine der seltensten. Teilt es hier mit dem Admiral den Durst nach den Mineralstoffen unserer Holzarbeiter, unterscheidet sich die Lebensweise ansonsten jedoch weitgehend.
Streift der Admiral weitflächig umher, so ist der Eisvogel recht standorttreu. Ihn wird man auch nie auf Blüten beobachten können; ernährt er sich doch allein von Früchten, Baumsäften und vor allem von den Ausscheidungen von Blattläusen. Die Wipfelregion der Bäume ist ihr Lebensraum, das ist bedeutsam. Vor allem die Weibchen verbringen praktisch ihr ganzes Leben hoch oben im Laubdach; eines hier auf der Lichtung zu sehen, gleicht einer kleinen Sensation.
„An heißen Tagen, besonders nach Gewitternächten, suchen sie – am Vormittag – halbschattige Waldwege auf, um dort an nasser Erde oder Tierkot zu saugen.“ berichtet der Schmetterlingskundler Hans-Josef Weidemann, der sich allerdings auch der Aufzucht und Freisetzung der Art bemüht hat und so mit viel Geduld, Wissen und Fingerspitzengefühl in seinem Umfeld eine Population zur Beobachtung aufbauen konnte. Er bemerkt außerdem, dass als Habitat Bereiche mit guter Luftfeuchtigkeit, in der Nähe von Quellhorizonten beispielsweise, bevorzugt werden. (2)
Ob das offene Tauchbecken einen Teil eines attraktiven Lebensraums für ihn darstellt?
Eine ganz spezifische Bedingung braucht dieser faszinierende Schmetterling jedoch für seinen Fortbestand: Und zwar die Zitterpappel, Populus tremula. Denn die Eier werden immer und ausschließlich an den Blattspitzen exponierter Espenzweige abgelegt. Die Raupen fressen nur dort, nur diese Blätter, es gibt keine Alternative. Was für ein Glück, dass sich am Waldrand und verstreut in den umliegenden Wäldern Zitterpappeln finden! Denn mehrere braucht es, werden doch pro Baum nur wenige Eier abgelegt. Die Bindung an die Zitterpappel ist so sprechend und grundlegend, dass sie namensgebend wurde: Limentitis populi verweist auf die Pappel, Populus.
Auf eine weitere Besonderheit möchte ich die Aufmerksamkeit noch lenken: Im oberen Teil des linken Flügels erglänzt blaue Farbe, während der Untergrund des so markant und schön gezeichneten Falters ansonsten dunkelbraun erscheint. Das „Blauschiller“ ist keine echte Farbe, keine der Schuppen des Flügels ist eingefärbt.
„Ihr Blau ist eine sogenannte Strukturfarbe, so genannt, weil sie auf der Struktur der Flügelschuppen beruht. Deren Feinbau allein bewirkt die Lichtbrechungen und Interferenzerscheinungen, die das reflektierte Licht aus gewissem Winkel blau erscheinen lassen.“ (3)
Ludwig Brandmayer spricht hier zwar vom Schillerfalter, doch das Phänomen ist das gleiche, zumindest beim frisch geschlüpften Eisvogel. Der Schillerfalter ist nah verwandt und liebt ebenfalls den Schweiß von Mensch und Tier.
Blauschiller am Wege
Der Schmetterlingsliebhaber, Schriftsteller, Bauer und Holzfäller Christian Wagner (1835 – 1918) hat empfindsame Worte für die Nähe dieses Schmetterlings zum arbeitenden und sich abmühenden Mensch und Tier gefunden: (4)
Blauschiller am Wege
Ihr, o Geistlein der Luft, ihr irisbeflügelten, – Falter,
Goldblauschillernde, sagt, warum auf der staubigen Straße
Stets dem Geleise ihr folgt, und hinschwebt hinter dem Fuhrwerk
Oder ihm eilet voraus, wie um zu erspähen die Vorspann,
Schweigsam, mitten im Wald bei glühendem Strahle des Mittags?
Ihr, o Geistlein der Luft, ihr irisbeflügelten! Seid ihr
Seelen der Rosse, die einst schwerüberladen und keuchend
Zogen die Wagen zur Stadt und fast erlagen der Mühsal,
Falter geworden anjetzt, und freuend sich seliger Wandlung?
Doch sich erinnernd vielleicht, – wer weiß es? – früheren Daseins
Nun ihn begehen des Weg nach williger Rosse Gewöhnung,
Frei nach eigener Wahl und ohne die Peitsche des Fuhrmanns?

Den Tieren scheint das Arbeits-Opfer der Menschen zu schmecken.
Welchen Zusammenhang innerhalb der Ökologie können wir denken?
Heinz Grill weist darauf hin, dass die Erde die menschliche Opferleistung für ihr Gleichgewicht unbedingt benötigt. Die menschliche Leistung ist es, die zum Beispiel die Verhältnisse von Luft und Wasser in eine Balance bringt und damit ausgeglichene Wetterbedingungen begünstigt.
Er schreibt im Zusammenhang mit der „Vereinfachung“ des Lebens durch Künstliche Intelligenz:
„Die Erde fühlt sich aber durch diese mangelnden menschlichen Opferleistungen im wachsenden Maße wie verlassen, gleich einer Wüste, denn ihr fehlen die sowohl physischen als auch geistigen Schweißtropfen, die das menschliche Streben auf sie jeden Tag träufeln muss. Die Lüfte nehmen nicht mehr die feinsinnigen Kräfte des menschlichen sensiblen Wahrnehmens im Ringen nach denkender Logik und Wahrheit auf und deshalb beginnen sie eine Art willkürliche Eigenemotionalität zu leben.“ (5)
Relevant ist dabei die Gedankensphäre, die der Mensch durch sein Ringen, durch künstlerische Tätigkeit oder vor allem auch durch Meditation dem Licht zuführt.
Die Beschäftigung mit einem so faszinierenden und wunderschönen Naturphänomen, wie es die Schmetterlinge sind, die zu Wissen, Bewusstsein, Beziehung, Empfindung und Wertschätzung führt, ist sicherlich in gewissen einfachen Maße als eine solche Opferleistung zu betrachten. Eine so schöne Opferleistung, die man mit Interesse und Freude bringt, so dass sie als solche kaum bemerkt wird!
Für Naone gilt: gut, dass genügend Holz für den Winter im Meditationshaus bereitsteht!



Text: Lilly Zahara, 24.08.2026
Fotos: Martin Sinzinger
(1) Ludwig Brandmayer, Wolfgang Helfer, Till R. Lohmeyer, „Aus dem Leben der Schmetterlinge“, IHW-Verlag Eching, 2000, S. 43.
(2) Hans-Josef Weidemann, „Tagfalter“, Bd. 2: Biologie-Ökologie-Biotopschutz, Verlag Neumann-Neudamm Melsungen, 1988.
(3) Ludwig Brandmayer, Wolfgang Helfer, Till R. Lohmeyer, „Aus dem Leben der Schmetterlinge“, IHW-Verlag Eching, 2000, S. 48.
(4) Christian Friedrich Wagner (1835 – 1918) war ein deutscher Schriftsteller, Kleinbauer und leidenschaftlicher Schmetterlingssammler. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, hatte nur die Volksschule besucht und verdingte sich, da die Landwirtschaft für das Auskommen nicht reichte, auch als Holzfäller und Tagelöhner. Seine dichterische Begabung reifte allein im Austausch mit Pfarrern, Lehrern und einem Lesebuch für die Realschule.
Im Laufe seines Lebens veröffentlichte Wagner zehn Bücher: vier reine Gedichtbände, ein Prosaband und weitere fünf Bände in einer für die damalige Zeit ungewöhnlichen Mischung aus Lyrik und Prosa.
„Es war mir stets die größte Freude, am Sonntagnachmittag im Walde umherzuschweifen und die Blumen und Vögel mir erzählen zu lassen.
Auch bei meiner Feldarbeit, denn es wurde mir nichts geschenkt, fand ich Trost und Erquickung in ihrem Freundschaftsverkehr.
In freier Winterszeit habe ich die hingeworfenen Gedanken gesichtet und gruppiert. Doch war noch etwas anderes dabei: Ich hatte stets tiefstes Mitleid mit der armen, zertretenen Tierwelt und hielt es für meine heilige Pflicht, mein Talent dem Evangelium der Tierschonung dienstbar zu machen. Dieser Gedanke, weit mehr als der kleine Bruchteil Dichtereitelkeit, gab meinem Streben und meiner Beharrlichkeit den nötigen Untergrund.“
Quelle: Christian-Wagner-Gesellschaft
Das Gedicht wurde gefunden in: Wilhelm Hoerner, „Der Schmetterling. Metamorphose und Urbild“, Urachhaus-Verlag Stuttgart, 1991.
(5) Heinz Grill, „Der Himmelskampf und das Wetter“, Teil 11 des Jahresausblick auf 2025, veröffentlicht am 8. Januar 2025 unter heinz-grill.de
(6) Abbildung aus: „Das kleine Schmetterlingsbuch. Kolorierte Stiche von Jakob Hübner“, Insel-Verlag Leipzig o.J., Insel-Bücherei Nr. 213
(7) Fachliche Unterstützung durch die Internet-Seite des Vereins Lepiforum e.V.
