Qualitäten des Lichts, Teil III
Licht differenziert und verbindet
„Das Licht eröffnet […] eine Differenzierung, eine Besonderheit, eine Einzigartigkeit. Es betont nicht nur die Besonderheiten, sondern es vereint auch. …[…] So kann das Licht etwas vereinen und es kann aber auch einen Sinn schaffen für die Einzigartigkeit und Besonderheit. Für die Einzelheit, für die Vielheit und für die Einheit kann das Licht direkt wirken.“ (Heinz Grill)
Zwei verschiedene Qualitäten des Lichts sind hier angesprochen: die trennende (differenzierende, Einzigartigkeit schaffende) und die verbindende.
Dieser Zusammenhang lässt sich nicht auf Anhieb entschlüsseln, zwei gegensätzliche Eigenschaften scheinen hier vereint. Wie kann man das denken? Wie kann man das wahrnehmen, empfinden? Kann man diese Lichtqualitäten in der Welt wiederfinden?
Diese Fragen wurden für mehrere Wochen meine Begleiter, so dass sich langsam ein Verständnis für die Gleichzeitigkeit des Gegensätzlichen entwickelte. Neulich, beim morgendlichen Aufstieg vom Ausgangsort Lundo zum ökoloisch-spirituellen Projekt Naone, erlebte ich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen Lichtstimmungen, die mir diese beiden Qualitäten wie vor Augen führten.
Im Oktober hält sich auf der Lichtung des Projekts der Schatten noch recht lange; erst am späteren Vormittag steigt die schon niedrig stehende Sonne über die Berggipfel und Baumwipfel. Der Monte Caré Alto in der Adamello-Gruppe hingegen, erhebt sich mit 3465m hoch über den Talboden und reflektiert bereits die ersten Sonnenstrahlen


Der erste Morgen offenbarte sich in einer wechselnden Wolkenstimmung und mit einem kurzen, aber intensiven Morgenrot. Als die Wandzonen des Gipfelaufbaus aufleuchten, modelliert das Licht gewissermaßen den Felsaufbau, als auch die feineren Felsstrukturen plastisch heraus. Der Gipfelaufbau als Gesamtes tritt dreidimensional vor dem Himmel hervor und die Felswände erscheinen trotz der weiten Entfernung gegliedert und doch zusammengehörig. Das Licht schafft einen Sinn für die Einzigartigkeit und die Gliederung, es verbindet aber gleichzeitig. Dass der Gipfel selbst dem Blick durch eine Wolke verborgen ist, verstärkt diesen Eindruck noch mehr. Daneben der gleiche Aufnahmestandpunkt wenige Augenblicke später: ohne das Licht wirkt der Berg flach, die Konturen verlieren sich.



Am nächsten Tag zeigte sich der Himmel mit einer außerordentlichen Klarheit. Keine Wolke trübte das Firmament. Die Wirkung von Licht und Schatten lässt sich auf dem linken und dem mittleren Bild studieren. Ganz links liegt das Gipfelmassiv noch im Schatten der Nacht, auf den höchsten Gipfelregionen regiert bereits das Licht. Verbunden und doch differenziert tritt uns der Berg ganz dem klaren frühen Sonnenlicht preisgegeben, entgegen. Die leichte Verschattung einer kleinen Wolke genügt, um das Spiel des Lichts zu unterbrechen und den Felsen vom Eindruck her mehr in eine Masse von Materie zu verwandeln, Aufnahme rechts.


Das Licht verbindet nicht nur die Elemente der Natur miteinander, sondern auch mit dem Menschen. Zwei Fotos sollen hier einen Vergleich erlauben. Beide Male ist das gleiche Motiv wie oben dargestellt, diesmal in einer Weitwinkel-Aufnahme. Der Schatten liegt noch über den Dörfern Judikariens, am Horizont erhebt sich Bergmassiv.
Ist dieser Teil der Adamello-Gruppe hell erleuchtet, so erscheinen die Berge nah und unmittelbar präsent. Die dazwischenliegenden Talungen fallen aus der Wahrnehmung, man fühlt sich direkt wie angezogen und hinübergezogen. Fehlt das Licht aber, so wirkt die Distanz unendlich groß, der Berg wie verloren am anderen Ende der Welt.
Das Licht allerdings ist nicht nur als vom Kosmos einstrahlendes Sonnenlicht zu verstehen. Auch im sozialen Miteinander können wir Menschen Licht ausstrahlen oder verschatten.
„Durch das Licht berühren unsere Sinne die Formen und die Menschen. Das Licht verbindet die Menschen oder trennt sie. Es hängt davon ab, was wir denken und fühlen, denn in jedem Moment können wir für einen anderen Menschen oder ein Objekt Licht geben oder wir können ein wenig Licht von diesem wegnehmen“ (Heinz Grill)
So zeigte sich das Projekt „Naone“ während des Tages – Auf der Zeitrafferaufnahme lassen sich der Wechsel der Lichtsituationen und der stetige Wandel des Eindrucks gut betrachten:
Lilly Zahara, 18.11.2025
Da die besprochene Wirkung im kleinen Bildformat weniger deutlich erscheint, werden hier die Fotos nochmals in einer Galerie gezeigt, die auch eine größere Ansicht ermöglicht:
Qualitäten des Lichts: Differenzieren und verbinden

Der zugrunde gelegte Vortrag ist in der Broschüre
„Alpinismus, die Eroberung des Unnützen“ von Heinz Grill veröffentlicht.
„Diese Broschüre ist anlässlich der Veranstaltungsreihe „Bergsteigen, die Eroberung des Unnützen“ aus dem Jahre 2013 in Meran entstanden. Heinz Grill sprach dabei über „Die Werte im Bergsteigen“ und stellte anhand von fünf Klettertouren fünf verschiedene Erlebensweisen vor.„
erhältlich beim stw-Verlag