Qualitäten des Lichts: Teil II
Licht als Flamme: der feurige Süden
Wie schon beim Beitrag zum Licht des Ostens und des Westens, des Morgens und des Abends, soll an dieser Stelle aus der Broschüre von Heinz Grill „Das Licht und die Seele beim Bergsteigen“ zitiert werden:
„Eine Südwand erlebt der Bergsteiger freundlicher, wärmer und meistens harmloser. Der Süden offenbart das Licht im Sinne einer Flamme, eine feurigen Wesens. Die Südwand nimmt deshalb das Licht wie flammenhaft auf.
Der Wille nimmt das Wärmehafte, das Feurige auf besondere Weise wahr. Deshalb ist auch im Allgemeinen die südliche Mentalität von einer zentrierten Willenskraft gekennzeichnet und kann dieses Element in Form eines guten Temperaments, eines feurigen oder begeisterungsfähigen Temperaments zum Ausdruck bringen.
Das feine feurige Wesen des südlichen Lichts schenkt eine wertvolle Zentrierung auf die Willensimpulse“
Assoziationen und Imaginationen
Spricht Heinz Grill zur Charakterisierung des südlichen Lichts von der südlichen Mentalität, drängen sich vielleicht recht schnell Bilder bis hin zu Klischees auf. Der sprichwörtliche „feurige Italiener“ – ist es das, was Heinz Grill mit dem „begeisterungsfähigen Temperament“ ansprechen möchte?
Auch wenn sich sicherlich geistige Gesetzmäßigkeiten in spezifischer und charakteristischer Weise in der physischen Erscheinung ausdrücken und über das Studium der Phänomene der Welt aufzufinden sind, so besteht doch ein gewaltiger Unterschied zwischen einer Analogie oder Assoziation und einem imaginativen Gedanken.
Assoziationen drängen sich aus einem eher unbewussten Anteil in das eigene Vorstellungsleben, sie speisen sich aus einem Konglomerat von Gesehenem, Gehörten, medial Vermitteltem, Emotionen und vielem mehr. Unvermittelt und ohne kontrollierendes, beobachtendes oder führendes Bewusstsein erwecken Analogieschlüsse nicht selten das „Bauch-Gefühl“ einer vermeintlich sicheren Beurteilungsfähigkeit.
Die von Heinz Grill hingegen ausgesprochenen imaginativen Gedanken resultieren aus einer sehr bewussten sensitiven Reflexion von seelisch Erlebtem und geistig Erforschtem. Sie dürfen als freie, zu erforschende Gedanken, deren Wahrheit sich nach einer Zeit der Beschäftigung im feineren Empfinden zeigt, angenommen werden und für die eigene Fragestellung zugrunde gelegt werden.
Das Bild von einem „Licht im Sinne einer Flamme“, vom „feinen feurigen Wesen des südlichen Lichts“ und von der „wertvollen Zentrierung auf die Willensimpulse“ darf man sich erst ganz ruhig als Frage vor sich platzieren. Was will Heinz Grill mit diesen Bildern und Formulierungen ausdrücken?
Wesentlich erscheint mir, dass Sie die von Heinz Grill formulierten Gedanken nicht als Autorität übernehmen, sondern dass Sie diese als Anregung zur eigenen kreativen Gedanken- und Empfindungstätigkeit, zur eigenen Auseinandersetzung auffassen.
Zur Illustration der Wesenhaftigkeit und Charakteristik des südlichen Lichts habe ich einige Abbildungen ausgewählt. Die Motive stammen aus dem Mittelmeerraum, wo mir selbst diese Qualität des Lichts wie in Reinform entgegenzutreten scheinen.
Heinz Grill selbst allerdings hat die Beschreibung der Erlebensformen und Qualitäten des Lichts in den Bergen, in verschiedensten Kletterrouten und der Exposition der Wände herausgearbeitet. Ich würde also empfehlen, dass Sie sich anhand der Betrachtung der Bilder in der von Heinz Grill verfassten Broschüre „Das Licht und die Seele beim Bergsteigen“ eine Wahrnehmung dafür anzueignen, welche atmosphärischen Stimmungen er selbst zugrunde gelegt hat.








Studien des Lichts – Maler des Impressionismus
Als Impressionismus wird eine kunstgeschichtliche Stilrichtung in etwa ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum ersten Weltkrieg bezeichnet, die sich mit den momenthaften „Eindrücken“, den Impressionen, die eine Szenerie oder eine Landschaft auf den Künstlern machte, beschäftigte. Damit rückte auch das Studium des Lichts, der Lichtstimmungen und Lichtwirkungen ins Zentrum des Interesses. Die Künstler beschäftigten sich intensiv mit dem Wechselspiel von Farbe und Licht und mit dem atmosphärischen Gesamteindruck. Einer der Hauptvertreter des französischen Impressionismus, Claude Monet, wählte 1889 – 1891 allein das einfache Motiv von Getreidegarben („Les Meules“) auf einem Feld für 30 verschiedene Ölgemälde in verschiedenen Lichtstimmungen.
Kunstwerke von impressionistischen Malern scheinen mir deshalb besonders gut für diese Studien zum Licht geeignet.
Als Beispiel sei hier ein Werk von Auguste Renoir vorgestellt, „Felsklippen bei L‘Estaque“. Auguste Renoir (1841 bis 1919) gilt als einer der bedeutendsten französischen Vertreter des „Impressionismus“. Das Gemälde entstand 1882 in der Nähe von Marseille.

Pierre August Renoir, Felsklippen bei L’Estaque: gemeinfrei, Quelle: wikiart.org
Südliches Licht – Studien in Naone
Zum Abschluss möchte ich an dieser Stelle noch drei Ansichten des Projekts Naone zeigen, im Spiel des südlichen Lichts.




La Luce e l´anima nell´ arrampicare – Das Licht und die Seele beim Bergsteigen
Zweisprachig deutsch und italienisch, 1. Auflage, kartoniert, Lammers-Koll-Verlag
Text: Lilly Zahara, 07.10.2025
Fotos Sardininen, Korsika, Kroatien: Martin Sinzinger, martin-sinzinger.de
Fotos Naone: Archiv Naone