Das Erleben der Jahreszeiten: der Herbst
Jede Jahreszeit trägt eine besondere Färbung in sich
Jede Jahreszeit trägt eine besondere Färbung, eine spezifische Stimmung in sich, in der wir mitschwingen, mitleben, miterleben. Wir fühlen uns natürlich und selbstverständlich getragen vom zuerst feinen und zarten, schließlich immer kräftiger anschwellenden und expandierenden Frühling.
Wie grenzenlos schwingen wir hinaus in die Weite des Sommers.
Mehr oder weniger bewusst empfinden wir, wie sich ab Sommersonnwend die Expansionskraft zurücknimmt, staut und eine beginnende Sammlung, die die Reife und Fruchtbildung einleitet, einsetzt.
Mit jedem weiteren Lebensjahr durchleben wir ein weiteres Mal den natürlichen Rhythmus des Jahres.
Wo nehmen diese Stimmungen, wo nimmt der Rhythmus seinen Ursprung?


„Der Rhythmus ist das Ergebnis kosmischer Einflüsse im Zusammentreffen mit dem Irdischen und im Wirkungsfeld der Erde. Der Kosmos wirkt auf das Irdische. Je besser, je harmonischer dieses Zusammentreffen von außen, von einem Größeren, von einem Sternenmeer oder von einer Sonne zur irdischen Welt stattfindet, desto mehr entsteht ganz natürlich das rhythmische Element.“
(Heinz Grill)(1)
Mit den Jahreszeiten ist unser Menschenleben so innig verwoben, dass es oft schon einen bewusst herbeigeführten Gedanken braucht, um genügend Abstand zur Betrachtung zu gewinnen.
Eine bewusste Pause im Denken.
Der Kosmos – die Welt der Sonne, der Planeten, der Sterne – begegnet der Erde. In dieser Berührung und Durchdringung entstehen die prägende Abfolge und die Qualitäten der Jahreszeiten.
„Der wahre Ökologe wird das Blühen und das Welken im Wechselspiel der Jahreszeiten mit berührenden Empfindungen erleben und er wird sich wie ein Teil dieser Zeitenperiode, in der er lebt, fühlen. Seine Augen tragen ein kontemplatives und doch wirklich wahrnehmendes Licht des Sehens.“
(Heinz Grill) (2)
Welche Stimmung trägt der Herbst in sich?


Wie gern evoziert man das Bild des „goldenen“ Herbstes. Klare, sonnige Lichtverhältnisse, die die umfärbenden Blätter oder Nadeln goldgelb aufleuchten lassen. Wanderer und Bergsteiger freuen sich über stabile Wetterlagen, bevor der erste Schnee die Gipfelregionen unzugänglich macht.
Die Atmosphäre scheint ruhiger zu werden, konzentrierter. Das Gefühlserleben des Menschen spiegelt dies vielfach. Eine gewisse Wehmut verabschiedet die sommerliche Wärme und fügt sich in die unabänderliche Tatsache der lang werdenden Nächte.
Bis hierhin dürfte die Beschreibung sicherlich für jeden gut nachvollziehbar sein.
Durch die Ausarbeitungen verschiedener Geistforscher erfahren wir jedoch, dass noch weit grundlegendere, verborgenere und doch tragende Qualitäten zugrunde liegen, die weniger leicht zugänglich sind.
Erst während der letzten Studientage hatte Heinz Grill davon gesprochen, dass der Mensch sich viele Empfindungen durch konkrete, bewusste Arbeit heranbilden müsse. Die intuitiv aufsteigenden Eindrücke allein würden nicht ausreichen, um den Lebensweg in eine idealere Richtung zu lenken. Es brauche notwendigerweise die bewusst herangebildeten Empfindungen.
Für das Erleben der Jahreszeiten ist es Rudolf Steiner, der vier verschiedene Stimmungen identifiziert und beschreibt. Und er ist es auch, der dringlich darauf hinweist, dass für eine weitere Entwicklung auf und für die Erde die Empfindungen des Herbstes, der „Michaeli-Zeit“, als Gegenbild zum Ostergedanken die Menschen durchdringen müssten.
Welche Empfindungen beschreibt Rudolf Steiner für den Herbst, die „Michaeli-Zeit“?
Der folgenden Absätze sind ein Zitat aus dem Vortrag vom 2. April 1923 in Dornach (3)
„Aber auch empfinden zu können, wenn die Blätter sich bleichen, ihre Herbstesfärbungen annehmen, wenn die Tiere sich verkriechen, fühlen zu können, wie im absterbenden Sinnlichen ersteht das glitzernde, glänzende Geistig-Seelische, empfinden zu können, wie mit dem Gelbfärben der Blätter ein Untergang des sprießenden, sprossenden Lebens da ist, aber wie das Sinnliche gelb wird, damit das Geistige in dem Gelbwerden als solches leben könne, empfinden zu können, wie in dem Abfallen der Blätter das Aufsteigen des Geistes stattfindet, wie das Geistige die Gegenoffenbarung des verglimmenden Sinnlichen ist: das sollte als eine Empfindung für den Geist den Menschen in der Herbsteszeit beseelen.
Durchdrungen sollte der Mensch werden aus der anthroposophischen Geisteswissenschaft heraus von der Wahrheit, dass gerade das geistige Leben des Menschen auf der Erde zusammenhängt mit dem absteigenden physischen Leben. […] Der Gedanke ringt sich aus der zugrunde gehenden Materie auf. Das Werden der Gedanken in sich selber, das Aufglänzen der Ideen in der Menschenseele und im ganzen menschlichen Organismus Sich-verwandt-Fühlen mit den sich gelbfärbenden Blättern, mit dem welkenden Laub der Pflanzen, mit dem Dürrwerden der Pflanzen, dieses Sich-verwandt-Fühlen des menschlichen Geistseins mit dem Naturgeistsein: das kann dem Menschen jenen Impuls geben der seinen Willen verstärkt, jenen Impuls, der den Menschen hinweist auf die Durchdringung des Willens mit Geistigkeit. […]
Die frühlingssprießende Pflanze hat in ihrem Wachstum, in ihrem Sprossen und Wachsen das Geistige darinnen. Das Geistige ist mit dem Sinnlichen durchmischt, man hat im wesentlichen eine Einheit. Die verwelkende Pflanze lässt das Blatt fallen und der Geist steht auf: man hat den Geist, den unsichtbaren, übersinnlichen Geist, und herausfallend das Materielle.“
Individuelles Erleben und soziale Dimension
Als wesentliches Element des von Heinz Grill geführten Schulungsweges gilt, dass alle Erfahrungen und Erkenntnisse nicht dazu bestimmt sind, ein persönliches Hochgefühl davonzutragen. Vielmehr sollen die erworbenen und eröffneten Möglichkeiten inhaltlich ausgearbeitet und in einer Synthese mit der „Welt“, also beispielsweise mit dem sozialen Umfeld oder der Natur, verbunden werden.
In Bezug auf Yoga-Übungen schreibt Heinz Grill im Oktober 2026:

„Die Übungen dienen dem Frieden und der Erkraftung des Herzzentrums. Sie sind positive Leistungen, die sich auf angenehme Weise in die Weltenschöpfung oder, anders ausgedrückt, in die Akasha-Chronik hineinschreiben.
Es hat keinen großen Sinn, Friedensparolen zu vertreten und Diskussionen über Ungerechtigkeit und Gerechtigkeit zu verfechten, denn solange die wirklichen Leistungen der Entwicklung fehlen, verstummt die kosmische Welt und es fehlt das Licht der Berührung, das den Geist oder allgemein die kosmische Welt mit der irdischen versöhnt.“
Heinz Grill (4)
In dem Aspekt, dass wir als Naturbetrachtende emotionale Grenzen überschreiten, umfassendere Empfindungen heranbilden und in diesem Prozess sich in uns kosmische und irdische Welt berühren, kann dies demgemäß friedensfördernd wirken.
Rudolf Steiner beschreibt es analog in den genannten Vorträgen:
„Alles, was die Menschen erhoffen von einer Erneuerung des sozialen Lebens, es wird nicht kommen von all den Diskussionen und von all den Institutionen, die sich auf Äußerlich-Sinnliches beziehen, es wird allein kommen können, wenn ein mächtiger Inspirationsgedanken durch die Menschheit geht, wenn ein Inspirationsgedanke die Menschheit ergreift, durch welchen wiederum Moralisch-Geistiges unmittelbar im Zusammenhange gefühlt wird mit dem Natürlich-Sinnlichen. […] Mit allen Diskussionen und Reformgedanken von heute ist nichts zu machen in Wirklichkeit; allein von dem mächtigen Einschlage eines aus dem Geiste heraus geholten Gedankenimpulses ist etwas zu erreichen.
Denn man muß sich klar sein darüber, daß gerade der Ostergedanke seine neue Nuance bekommen würde, wenn er ergänzt würde durch den Michael-Gedanken.“
Die folgenden Aufnahmen sind Mitte Oktober 2026 in Naone entstanden.




In der Heilkunde spielt der Ahorn keine besondere Rolle, doch der mit 43% sehr hohe Zuckergehalt des Baumsaftes ist bemerkenswert. Der bekannte und kostbare Ahornsirup wird aus Zuckerahorn und Schwarzahorn überwiegend in Kanada gewonnen.














Das, was wir auf den ersten Blick als eine „Blüte“ wahrnehmen, setzt sich bei der Goldrute als typische Vertreterin der Korbblütler aus vielen fein gestalteten Einzelblüten zusammen. Heinz Grill bezeichnete die Goldrute als charakteristisch für die Lichtäther-Qualität. Außerdem schreibt er:
„Die Goldrute schenkt eine ganz verborgene Imagination, eine verblasste Erinnerung, die wohl heute kaum mehr jemand zu denken wagt. Sie versinnbildlicht in ihrer Ausstrahlung die Freude der himmlischen Hierarchien, die Freude der Engelwesen und des Himmels selbst.“ (6)
Grundlage aller Betrachtung ist dabei immer die Blüte der Goldrute. Ich finde es dennoch sehr beachtenswert, wie strahlend auch die an sich fahl-braunen Samenstände im Gegenlicht aufleuchten.
Fotos und Text: Lilly Zahara, 20.10.2026
(1) Heinz Grill, Die Idee des rhythmischen Zusammenwirkens, Vortrag von Heinz Grill vom 9. Dezember 2014 in Luxor, Ägypten
(2) Heinz Grill, Spirituelle Ökologie, Aufsatz vom 20. Juni 2022, veröffentlicht unter heinz-grill.de
(3) Vortrag nachzulesen in: „Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde und die vier grossen Festeszeiten“, Dornach 1936, GA 223.
(4) https://yoga-und-synthese.de/
(5) „Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde und die vier grossen Festeszeiten“, Dornach 1936, GA 223, S. 50.
(6) Heinz Grill: Der Archai und der Weg in die Berge. Eine spirituell-praktische Anleitung in der Ergründung der Wesensnatur des Berges. 2. Auflage. Verlag für Schriften von Heinz Grill, Soyen 2002, S. 88–89.
